Vanesa Muhić
Das Bild im Hintergrund dieser Website stammt aus der Selbstporträt-Serie Hexenjagd, entstanden an Halloween 2022. Damals konnte ich mit den Aufnahmen nur begrenzt etwas anfangen. Heute wirken sie auf mich fast wie ein Vorzeichen. Die Figur am Bildrand ist nur schemenhaft zu erkennen. Nackt, halb abgewandt, den Kopf zur Kamera gedreht, im Dunkeln, unscharf, angespannt. Etwas daran erinnert mich an Science-Fiction, an Area 51, an eine Kreatur, von der man nicht genau weiß, ob sie gerade flieht, sich versteckt, beobachtet oder selbst jemanden ertappt hat. Wer sucht hier wen? Wer verfolgt wen? Wer muss stillhalten, wer in Deckung gehen? Alles ist Wahrnehmung, Vorsicht, Anspannung. Als die Bilder entstanden, war mir diese Lesart fremd. Heute erscheint sie mir erstaunlich nah.
Ich bin Vanesa Muhić, Jahrgang 1982, gebürtige Bonnerin. Ich habe Literaturwissenschaft und Geschichte in Bonn studiert, über viele Jahre im Kultur- und Veranstaltungsbereich gearbeitet und mich daneben stadtgesellschaftlich und ehrenamtlich engagiert. Und ich habe Kunst gemacht. Krank war ich schon vorher. Endometriose, Migräne, Depressionen, Bandscheibenvorfälle, kaputte Knie – mein Körper war nie ein besonders unkomplizierter Begleiter. Trotzdem hatte ich ein Leben, das ich als meines erkannte. Ich arbeitete, machte Kunst, engagierte mich, tanzte, lief stundenlang durch Ausstellungen und über Flohmärkte, las, wanderte, machte Ausflüge, ging mit dem Hund große Runden und konnte mich für selbst erfundene Projekte für Stunden oder Tage aus der Welt verabschieden.
2022 hatte ich Covid und eine größere Operation. Irgendwann in diesem Jahr begann mein Körper sich grundlegend zu verändern. Was zunächst schleichend begann, entwickelte sich zu ME/CFS und verschlechterte sich in den folgenden Jahren zunehmend. Die Erkrankung kam also nicht auf einen unbelasteten Körper – sie setzte sich auf vieles, was bereits da war. Der entscheidende Unterschied ist: Mit all dem anderen hatte ich trotzdem noch ein Leben. Mit ME/CFS wurde dieses Leben zunehmend kleiner. Seit Anfang 2025 ist es weitgehend zum Erliegen gekommen. Ich bin überwiegend hausgebunden und an nicht wenigen Tagen bettgebunden. Gassirunden, notwendige Einkäufe und einzelne unvermeidbare Wege erledige ich noch selbst; darüber hinaus spielt sich mein Leben fast vollständig in meiner Wohnung ab und zu einem erheblichen Teil auch in meinem Bett. Vieles von dem, was früher selbstverständlich war, existiert in meinem Alltag nicht mehr: Arbeiten, Ausstellungen, Flohmärkte, Tanzen, Wandern, lange Spaziergänge, Ausflüge, Lesen über Stunden, spontane Unternehmungen, das Verschwinden in eigenen Projekten. All das ist entweder ganz weggefallen oder nur noch in sehr kleinen Ausschnitten möglich.
ME/CFS hat mein Verhältnis zur Welt und zum eigenen Körper grundlegend verändert. Der Körper wird zu etwas, das permanent beobachtet, gelesen, verwaltet und eingeschätzt werden muss: Belastung, Reaktionen, Schmerzen, Erschöpfung, kleinste Veränderungen. Vieles findet nicht mehr draußen statt, sondern in Innenräumen, im Liegen, im Warten, im Beobachten. Damit haben sich zwangsläufig auch die Bedingungen verändert, unter denen Kunst überhaupt noch entstehen kann. Früher fand vieles von dem, was mich künstlerisch angeregt hat, außerhalb meiner Wohnung statt: beim Fotografieren, in Ausstellungen, beim Herumlaufen, in zufälligen Begegnungen mit Bildern, Dingen und Situationen. Heute besteht die Welt, aus der ich schöpfen kann, oft aus denselben wenigen Quadratmetern.
Der kreative Impuls ist trotzdem nicht verschwunden. Manchmal war er über Monate kaum spürbar, überlagert von Schmerzen, Medikamenten, Verwaltung, Anträgen, Arztterminen und Krankenhausaufenthalten. Aber wenn er wieder auftaucht, stellt sich eine andere Frage als früher: Womit arbeite ich, wenn das Leben selbst kleiner geworden ist? Vielleicht mit genau dem, was da ist: mit Wohnung, Körper, Krankheit, Unordnung, Licht, vorhandenen Bildern, Resten und dem, was sich im Vorbeigehen festhalten lässt. Nicht unbedingt schön, nicht unbedingt sauber, nicht unbedingt geplant. Mit der Erkrankung hat sich auch mein Blick auf ältere Arbeiten verschoben. Manche, die ich lange beiseitegelegt hatte, wirken plötzlich erstaunlich gegenwärtig. Vielleicht ist Hexenjagd deshalb heute wieder hier. Nicht, weil die Serie damals von Krankheit handelte. Sondern weil sie rückblickend etwas enthält, das ich inzwischen sehr gut kenne: Fremdheit, Wachsamkeit, Rückzug, Unsicherheit und einen Körper, der zugleich Schutzraum, Warnsystem und Gefängnis sein kann.
Seit dem Frühjahr 2025 bin ich öffentlich und künstlerisch weitgehend nicht mehr in Erscheinung getreten. Nicht, weil mir nichts mehr einfällt. Sondern weil Ideen und die Möglichkeit, ihnen zu folgen, zwei sehr verschiedene Dinge geworden sind. Diese Website ist deshalb weniger Schaufenster als Ort: für frühere Arbeiten, neue Fragmente, gelegentliche Lebenszeichen und für Dinge, von denen ich noch nicht weiß, was aus ihnen wird.
Hier landet, was gerade da ist: Bilder, Beobachtungen, kleine Geschichten, Fundstücke, Verluste, Gedanken, halbfertige Sätze und gelegentliche Lebenszeichen. Nicht alles davon wird eine „Arbeit“ im klassischen Sinn sein. Manches ist vielleicht nur ein Handyfoto, aufgenommen, weil das Handy gerade neben mir lag und mehr in diesem Moment nicht möglich war. Nicht jeder Ausschnitt ist geplant, nicht jede Belichtung stimmt, nicht jedes Bild ist schön. Mich interessiert zunehmend auch genau dieser ungeschönte Blick: auf die Wohnung, auf den Körper, auf Krankheit, Unordnung und auf das, was aus einem Leben übrigbleibt, wenn vieles von dem, was früher selbstverständlich war, nicht mehr stattfindet. Manche Beiträge werden erklärt sein, andere nicht. Manche dokumentarisch, andere persönlicher oder fragmentarischer. Nicht alles muss sich sofort einordnen lassen. Kein Blog. Kein Tagebuch. Vielleicht eine Chronologie. Vielleicht nur Spuren.
Hier findet sich nun endlich das, was der kunstinteressierte Mensch vermutlich schon viel weiter oben auf dieser Website erwartet hätte: ältere Arbeiten, Ausstellungen, Flyer, Fotografien, Fragmente und Projekte, die irgendwann abgeschlossen, abgebrochen, vergessen oder einfach nur weggepackt wurden. Wobei „abgeschlossen“ bei mir ohnehin ein eher theoretischer Begriff ist. Ich bin ständig auf der Suche und sehe mir alles an, was mir in die Hände fällt – Käfer, Sätze, Bilder, Dinge auf der Straße und natürlich auch meine eigenen Arbeiten von vor hundert Jahren. Manchmal finde ich darin heute etwas, das ich damals nicht gesehen habe. Manchmal verstehe ich überhaupt nicht mehr, was ich mir dabei gedacht habe. Das hier ist deshalb weniger Archiv als Wiedervorlage. Dinge dürfen wieder auftauchen, neu angesehen, anders gelesen und im Zweifelsfall auch noch einmal angefasst werden. Solange ich selbst nicht fertig bin, müssen meine Arbeiten es schließlich auch nicht sein.